Gewissensbissen

Unser Essen soll gut und gesund sein und trotzdem Klima, Natur und Mensch schonen. Doch gibt es das überhaupt, das ethisch korrekte Menü?

Viel Obst und viel Gemüse, Käse und Fisch statt Fleisch sollen wir essen, predigen die Gesundheitsapostel seit Jahren.

Aber ist das, was uns gesund macht, auch gut für unsere Umgebung? Die Klimadiskussion lässt Zweifel aufkommen. Der Anteil der Ernährung am Energieverbrauch und somit am Treibhauseffekt der Schweiz macht knapp 20 Prozent aus.

Im März, am Ende des Winters, sind die Auslagen stark von importierten Früchten und Gemüsesorten dominiert – wie nie sonst im Jahr. Peperoni, Gurken, Broccoli, Tomaten und Erdbeeren aus Spanien; Auberginen, Orangen und Blumenkohl aus Italien, marokkanische Zucchetti, grüne Spargeln aus Mexiko, weisse aus Peru, ägyptische Bohnen, Kefen aus Kenya. Grapefruits aus Kalifornien, brasilianische Melonen. Dazu die Ganzjahresexoten: Bananen und Mangos aus Peru, Avocados aus Chile oder Ananas aus Ghana.

Natürlich, es gibt auch einheimische Äpfel, Karotten, Kartoffeln, Sellerie, Wirz und andere Kohlarten. Wer ökologisch vernünftig essen will, der wählt aus diesem Saisonangebot.

Frischprodukte wie Spargeln, Bohnen und Kefen um die halbe Welt zu fliegen, ist ökologischer Unsinn. Im Vergleich zum einheimischen Saisongemüse vervielfacht sich die Belastung des Klimas mit CO2 um bis zum 48fachen.

Was aber, wenn man nicht in einen überwinterten, faden Apfel beissen mag und sich trotzdem frugale Vitamine zuführen will? Was, wenn die Kinder die Sauerkraut- und die Sellerieaufnahme verweigern und keinen Lauch verdrücken und man selbst nicht jeden Tag Rüebli verspeisen will?

«Man muss auch mal etwas Exotisches essen», findet Felix Escher, Professor für Lebensmitteltechnologie an der ETH Zürich. Wir lebten eine Diskrepanz von Ansprüchen und Wirklichkeit; man müsse eben «an Lösungen arbeiten», sagt Escher.

Fürs Erste hilft Coop das schlechte Gewissen beim Kauf von eingeflogenem Essen zu entlasten. Der Detailhandelsriese gab letzte Woche bekannt, dass er zwecks CO2-Kompensation bis zu 1,5 Millionen Franken jährlich in einen Fonds zur Förderung von Klimaprojekten zahlen will.

Laut Coop-Kommunikationschef Felix Wehrle macht der Anteil eingeflogener Nahrungsmittel nur ein Prozent aus. Frischer Fisch gelange via Kühlwagen in die Schweiz, langsam reifende Früchte aus Afrika und Amerika per Schiff, Früchte und Gemüse aus Italien und Spanien auf der Strasse.

Gemüse aus südspanischen Treibhäusern ist ökologisch sinnvoller als jenes aus hiesigen Treibhäusern, wie eine Berechnung der britischen Beratungsfirma AEA zeigt. Der Transport nach Mittel- und Nordeuropa erzeugt viermal weniger Kohlendioxid-Ausstoss als die Beheizung mittel- und nordeuropäischer Treibhäuser. Jene an Spaniens Südküste müssen nicht geheizt werden.

Neu werden auch soziale Gesichtspunkte berücksichtigt

Dafür stellen sich bei den Produkten aus den plastikbedeckten Plantagen Andalusiens andere Fragen – die gleichen wie bei den exotischen Früchten: jene nach dem Einsatz von Kunstdüngern und Schädlingsbekämpfungsmitteln und deren Rückständen in der Nahrung sowie jene nach der Behandlung und Bezahlung der Angestellten.

Noch immer seien die Landarbeiter in den mittel- und südamerikanischen Plantagen von Del Monte und Dole, wo viele schöne Früchte herkommen, giftigen Herbiziden und Pestiziden ausgesetzt, sagt Stefan Indermühle von der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern.

Zumindest bei Coop und Migros gibt es bei immer mehr exotischen Früchten Alternativen: Man orientiert sich an den Labels, diesen Wegweisern durch den Dschungel der Nahrungsmittelproduktion. Seit Anfang 2007 berücksichtigen die Schweizer Bio-Labels auch soziale Gesichtspunkte der Produktion.

Wer sich von Bio-Labels den Weg zeigen lässt, isst nicht unbewusst chinesische Erdbeeren in der Konfitüre oder im Jogurt, keine Margarine aus Palmöl aus südostasiatischen Plantagen, für die Regenwald gerodet wurde. Die Labels liefern grüblerischen Konsumenten viele Antworten, aber lösen nicht alle Probleme. Wie in der Mode gilt: Labels haben ihren Preis. Bio- und Fairtrade-Produkte sind teurer als andere. Biologisch korrekt erzeugt bedeutet aber nicht, dass das betreffende Produkt geschmacksintensiver wäre. Ein Biorüebli oder eine Bio-tomate, das zeigt die Erfahrung, hat im Allgemeinen nicht mehr Geschmack als mit Kunstdünger gehegtes Gemüse. Und eine Studie der Universität Bern wies 2005 nach, dass Biomilch nicht gesünder ist als konventionelle.

«Bio» ist die Garantie dafür, dass bei der Produktion viel Rücksicht auf die Natur genommen wurde. Was aber ist besser für die Natur: Ein Bioprodukt zu kaufen, das von weit her transportiert wurde? Oder ein herkömmlich produziertes von einem Bauern in der Gegend? «Vergesst Bio. Esst lokal», antwortete das US-Nachrichtenmagazin «Time» letzte Woche auf seinem Titelblatt. Erstens sei die Klimabilanz der regionalen Nahrungsmittel besser, zweitens seien sie frischer und schmeckten daher intensiver.

Früchte und Gemüse liefern Vitamine, aktivieren die Verdauung. Aber der Mensch braucht ja auch Energie und Eiweiss. Zwecks Proteinaufnahme sollen wir viel Fisch und wenig Fleisch essen, sagen die Ernährungsberater. Fisch sei gesünder, weniger fett, und das wenige Fett erst noch gesünder (siehe Box rechts). Bloss: Die Zunahme des Fischfangs hat zu einer Überfischung der Meere geführt (siehe Artikel unten).

Käse essen gilt als chic, gesund und ethisch unbedenklich. Diese Überzeugung hält einer genauen Betrachtung nicht stand. Erstens muss die Kuh, damit sie Milch gibt, ein Kälbchen gebären, wobei dessen Zeugung – völlig widernatürlich – ohne Freuden mittels künstlicher Besamung erfolgt. Und das Kälbchen wird der Kuh nach der Geburt weggenommen, damit es nicht die Milch wegtrinkt. Früher oder später landet es im Schlachthof. Zweitens lässt die veganische Ernährung die Kühe andauernd rülpsen, furzen und scheissen. Methan und Lachgas gelangen in die Atmosphäre, um ein Vielfaches aggressiver als das Kohlendioxid aus den Verbrennungsmotoren.

Ein Kilogramm Käse, so hat das Ökoinstitut in Freiburg im Breisgau berechnet, ist durchschnittlich für acht Kilogramm Treibhausgase verantwortlich – drei mehr als ein Kilogramm Fleisch.

Was also spricht gegen ein saftiges Steak oder einen feinen Schinken? Die Ethik nicht; neben den Menschen hat die Natur auf diesem Planeten bekanntlich zahlreiche andere Karnivoren hervorgebracht. Schon eher, dass Rinder, Schafe oder Hühner ineffiziente Nahrungsproduzenten sind. Für ein Kilo Fleisch müssen sie Futter mit dem sieben- bis neunfachen Energiewert fressen.

Über ein Drittel der weltweiten Getreideernte wird an Tiere verfüttert. Die Viehzucht ist für 18 Prozent des von Menschen verursachten Ausstosses von Treibhausgasen verantwortlich, wie die Welternährungsorganisation (FAO) in einer Studie nachwies.

Am wenigstens bedenklich wäre eigentlich Getreide

Der Rat des deutschen Ernährungsökologen Karl von Koerber ist sicher richtig: Mass halten mit dem Fleischessen. Der Trost: Bei keinem anderen Nahrungsmittel wirkt sich die Produktionsart so direkt auf den Geschmack aus, ist ein Bio- oder Freiland-Label so sehr ein Hinweis auf Essgenuss.

So viele Proteine, wie sie durchschnittlich zu sich nehmen, brauchen die Menschen gar nicht. Im Übrigen gibt es pflanzliche Alternativen: in erster Linie Soja. Doch die eiweisshaltigste Pflanze gedeiht am besten in tropischem oder subtropischem Klima – wo ihr in den letzten Jahren viel Regenwald geopfert wurde. Es bleiben Bohnen und Mais wie in Mittelamerika. Oder Kichererbsen wie im Vorderen Orient oder alle Arten von Linsen wie in Indien. Reis dazu sollte man aber nur mit Mass essen. Dessen Nassanbau erzeugt enorm viel Lachgas.

Am wenigsten bedenklich, ökologisch, politisch, sozial, ist übrigens das, was Büromenschen am meisten zusetzt: Getreide – Kohlehydrate.

Die gute Nachricht zum Schluss: Vergesst die Sorge um Aludeckeli und Jogurtgläser. Die Umweltbelastung der Verpackungen ist minimal.

Michael Lütscher / Mitarbeit: Martin Sturzenegger © SonntagsZeitung, 18.3.2007