«Wir waren immer Aussenseiter»

Ralf Hütter über den Mythos Kraftwerk, die Tour de France und das Album «Tour de France»-Soundtracks.

Mit Stücken wie «Autobahn», «Trans Europa Express», «Die Roboter» und «Computerliebe» hat die deutsche Band Kraftwerk in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren die Entwicklung der elektronischen Popmusik entscheidend geprägt. Morgen Montag erscheint ihr seit 17 Jahren erstes Album mit neuen Stücken: «Tour de France Soundtracks». Die SonntagsZeitung sprach mit dem 56-jährigen Kraftwerk-Gründungsmitglied Ralf Hütter.

Ralf Hütter, Sie sind ein ambitionierter Hobbyradler. Welche Etappen der Tour de France haben Sie selbst schon abgefahren?

Ich bin alle Pässe gefahren, die im Büchlein zur CD verzeichnet sind. Also die klassischen Etappen über die Pässe Madeleine, Galibier nach Alpe d’Huez in den Alpen und von Luchon über den Tourmalet nach Luz-Ardiden in den Pyrenäen.

Geht das so leichtfüssig, wie es Ihre «Soundtracks» implizieren?

Wenn man in Form ist, fällt es leicht. Und wenns gut läuft, dann gehts fast geräuschlos. «Er hat keine Kette drauf», nennt man diesen schwebenden Zustand. Das ist wie in einem Konzert, in dem die Musik wie von selbst läuft. Kleinere Radgeräusche und den menschlichen Atem haben wir für das Album aufgenommen.

Gehört das Leiden nicht zum Radfahren?

Man geht in gewissen Phasen bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, als Profi wie als Hobbyfahrer. Man fährt im Rahmen seiner Möglichkeiten, im Rhythmus seines Lebens. So haben wir auch als Musiker immer gearbeitet. In den Sechzigerjahren arbeiteten wir mit Tonbändern, editierten mit Rasierklingen, spielten elektroakustische Instrumente. In den frühen Siebzigern benützten wir die ersten Synthesizer.

Das neue Kraftwerk-Album wurde oft angekündigt und erschien dann nicht. Wieso?

Wir hatten das Konzept für ein «Tour de France»-Album bereits 1983. Daraus wurde nur die «Tour de France»-Single, weil wir an dem Album «Technopop» zu arbeiten begannen. Aus diesem wurde schliesslich «Electric Café». Danach haben wir alle Aufnahmen digitalisiert. Letzten Herbst traten wir in Paris erstmals mit Laptops auf. Wir sind mit unserem Studio jetzt mobil.

Das sind Sie doch schon lange.

Ja, aber unser Klingklang-Studio war früher mehrere Tonnen schwer. 1998 sind wir damit um die Welt gereist. Jetzt haben wir es auf eine digitale Plattform reduziert. Wir können unser Studio praktisch im Handgepäck transportieren. Fantastisch!

«Tour de France Soundtracks» ist Ihr erstes Album mit neuen Stücken seit 1986.

Nein. 1999 haben wir «Expo 2000» gemacht, ein Minialbum mit der Musik für die Weltausstellung in Hannover.

Trotzdem ist Ihr Arbeitstempo gemächlich.

Wir machen eben alles selbst, in Zusammenarbeit mit unserem Computer-Ingenieur.

Das frühere Kraftwerk-Mitglied Wolfgang Flür sagte einmal, Ralf Hütter interessiere sich mehr fürs Radfahren als für die Musik.

Wer ist Flür?

Er war rund 15 Jahre bei Kraftwerk.

Flür war einer der Schlagzeuger, die wir für Tourneen und Aufnahmen verpflichteten. Seine Behauptung ist falsch. Er kann das Radfahren gar nicht beurteilen; er ist nie selber Rad gefahren.

Woher stammt Ihre Begeisterung für das Radfahren?

Vermutlich aus einer Affinität zur Musik. Der Mensch und die Maschine, die zu einer Einheit werden. Der Mensch, der sich aus eigener Kraft bewegt, in Zusammenarbeit mit einer Maschine. Interessanterweise wurden während der Tour de France in den letzten Wochen Ausdrücke gebraucht wie «Ullrich, die Menschmaschine» oder «Ullrich, ein Kraftwerk auf Rädern».

Mit dem «Tour de France»-Album nehmen Sie ein altes Kraftwerk-Thema auf. Ist Ihr Werk womöglich abgeschlossen?

Nein, keineswegs. Aber wir haben keinen Vierjahresplan, wir haben überhaupt keinen Plan.

Wenn man die Popmusik so stark beeinflusst hat wie Sie, scheint jede neue Äusserung schwierig, denn sie könnte den Mythos gefährden, den Sie sich erarbeitet haben: geniale Technopioniere zu sein.

Solche Überlegungen sind uns fremd. Das sind Denkmodelle, die Musikkritiker wälzen. Wir haben immer gemacht, was wir wollten. Wir sind immer mit Vorurteilen konfrontiert worden. Als wir «Trans Europa Express» herausbrachten, hiess es, «was beschäftigt ihr euch mit so altem Zeugs wie dem TEE, das ist doch Vergangenheit». Als «Computerwelt» erschien, nannte man uns «Knöpfchendreher». Als wir jenes Album machten, dachten wir, wir seien schon zu spät mit dieser Thematik. Im Nachhinein sieht das natürlich anders aus. Der Personalcomputer kam erst zwei Jahre später auf den Markt.

Die «Menschmaschine» ist Ihr Lieblingsthema. Auf diesem Gebiet ist zuletzt durch die Verbindung Mensch-Computer enorm viel passiert. Verfolgen Sie das?

Ja, sehr intensiv. Wir versuchen das auch auf unsere Arbeit anzuwenden. Wir stellen uns vor, dass unsere Roboter in Tokio ein Konzert geben, während wir in Paris sind. Das Grösste ist, wenn die Musik sich selbst spielt.

Das ist ein altes Kraftwerk-Projekt.

Ja, nur waren die Geräte lange nicht zugänglich. Doch wir sind voll dabei.

Als vor ein paar Jahren die TV- und CD-Serie «Pop 2000» zusammengestellt wurde, die die Geschichte der deutschen Popmusik aufrollte, fehlte Kraftwerk. Wieso?

Wir waren immer Aussenseiter. Wir wurden zwar angefragt für «Pop 2000». 2000 Jahre Popmusik? «Ne, da sind wir nicht dabei», war unsere Antwort.

Sind die anderen deutschen Popmusiker nicht gut genug für Kraftwerk?

Nein, nein. Wir machen einfach unser Ding. In Freiheit. Dieses Kompilieren, dieses Verpacken, Verwursten, Verwursteln widerstrebt uns.

Michael Lütscher © SonntagsZeitung, 3.8.2003