Der Klub für alle

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse nach vielen Monaten intensiver Auseinandersetzung mit der Geschichte des FC Zürich? Vielleicht diese beiden: Der FCZ ist nicht der Arbeiterverein, als der er immer wieder bezeichnet wird, und er war es auch nie. Er war und ist ein Klub für alle; das hat sich in den über hundert Jahren seit seiner Gründerzeit nie geändert. Und: Die Identifikation der Zuschauer mit dem Klub ist gewachsen – so wie jene der Spieler geschwunden ist. Die Zeit, als Köbi Kuhn und Rosario Martinelli 15 Jahre lang Herz und Hirn grosser FCZ-Teams waren, ist lange her; im heutigen, globalisierten Spielermarkt ziehen die Fussballer dorthin, wo sie am meisten verdienen. Bekenntnisse zum FCZ aber sind Teil des öffentlichen Lebens wie nie zuvor: Wimpel in Bars, Graffitis auf Hauswänden, Kleber auf Verkehrsschildern, Prominente und Facebook-Gruppierungen, die sich zum FCZ bekennen, Musiker, die ihn in ihren Stücken preisen.

Der FCZ ist ein Social Medium. Man identifiziert sich mit drei Buchstaben und trifft dadurch viele Menschen. Aber «FCZ» ist mehr: ein Versprechen für gemeinsame Begeisterung. Manchmal kommt es, wie gerade FCZ-Fans wissen, anders. Doch geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude aber doppelte Freude. Das Fandasein ist eine Weiterung des Ideals einer guten Mannschaft: das Kollektiv ist mehr als die Summe der Individuen, die auf dem Platz stehen. Sven Hotz pflegte den FCZ als «Familie» zu bezeichnen, zu Recht. Man gehört zusammen, auch wenn die Stimmung schlecht ist. Als Verein für alle ist der FCZ heutzutage eine Grossfamilie in einer grossfamilien-armen Zeit und eine Institution des öffentlichen Lebens.

Michael Lütscher

Vorwort zu «Eine Stadt ein Verein eine Geschichte», © FC Zürich, 11.2010